Du hast Italienisch richtig gelernt – und trotzdem klingt es in Italien anders
Kennst Du den Moment? Du lernst einen Satz im Italienischunterricht und bist stolz, dass Du ihn nach Längerem endlich beherrschst und selber verwenden kannst und benutzt ihn von da an immer. Dann bist Du eines Tages in Italien und merkst, dass Italiener das ganz anders ausdrücken. Vielleicht verstehst Du die Formulierungen, die sie benutzen, erst nicht. Und dann denkst Du Dir: „Hab ich Italienisch etwa falsch gelernt?“
Nein. Das Italienisch, das Du in vielleicht in Lehrbüchern oder in Kursen lernst, ist nicht falsch oder unnatürlich. Es ist grammatikalisch korrekt und die Italiener verstehen es natürlich und verwenden es teilweise auch selbst, aber in echten Gesprächen gibt es einfach viel mehr und vor allem andere Möglichkeiten, etwas Bestimmtes auszudrücken.
Ich habe das so oft erlebt, dass ich in Italien war und wieder etwas Neues gelernt hab, das mir zuvor noch nie begegnet war. Und komischerweise war es jedes Mal etwas anderes, das mir vorher noch NIE aufgefallen war und ich dachte mir: „Hä? Das haben die davor doch noch nie gesagt. Oder hab ich es einfach überhört?“. Das ist ein echt komisches Phänomen. Ist Dir das auch schon mal passiert?
Was ist Lehrbuchitalienisch überhaupt?
Bei Lehrbuchitalienisch handelt es sich meiner Meinung nach um vollständige und grammatikalisch korrekte Sätze. In Lehrbüchern geht es auch oft darum, bestimmte grammatikalische Strukturen zu lernen, weshalb die Sätze, die darin enthalten sind, oft genau nach diesem Muster aufgebaut sind.
Wir müssen nicht unbedingt was gegen Lehrbuchitalienisch haben. Wir müssen uns einfach nur klar machen, dass es da mehr gibt. Eine weitere Ebene. Eine andere Welt, voller Wörter, Sätze und Formulierungen, die einem verborgen bleiben, wenn man sich nicht mit echtem Italienisch umgibt.
Und was ist dann Alltagsitalienisch?
Im Alltag benutzen Italiener nicht immer vollständige und grammatikalisch korrekte Sätze. Ihre Sprache ist unter anderem gekennzeichnet durch:
- Abkürzungen oder verkürzte Sätze
- Füllwörter
- Umgangssprache
- regionale Unterschiede
- Spontanität
Warum es eine gute Idee ist, Alltagsitalienisch zu lernen
Wenn Du mit der Art und Weise, wie sich Italiener im Alltag ausdrücken, vertraut bist, tust Du Dir viel leichter in Italien.
Ich weiß nicht, wie es Dir geht, aber bei mir kam es am Anfang oft vor, dass Italiener irgendwas gesagt haben, wo ich vielleicht die Wörter kannte, ich aber überhaupt nicht verstanden hab, was sie damit meinen. Das liegt daran, dass die Alltagssprache voller Idiome ist. Dabei handelt es sich um Redewendungen, deren Gesamtbedeutung nicht den Bedeutungen der einzelnen Wörter entspricht. Ein Beispiel ist der folgende italienische Satz:
In bocca al lupo wortwörtlich „im Mund des Wolfes“
Dieser Satz bedeutet im übertragenen Sinn „viel Glück“. Wer diese Redewendung nicht kennt, kann ihre Bedeutung nicht anhand ihrer Einzelteile ableiten.
Zudem benutzen Italiener im Alltag oft eben andere Formulierungen. Wenn Du Italienisch nur aus dem Lehrbuch gelernt hast und wenig bis gar keine Zeit mit Muttersprachlern verbracht hast, kann es sein, dass ein Italiener Dich Com’è? fragt, und Du darauf nicht antworten kannst, einfach, weil Du nicht weißt, dass es sich hier um eine einfache Frage nach Deinem Befinden handelt. Und das obwohl Du schon ziemlich gut Italienisch sprichst! Wie Du siehst, ist Alltagsitalienisch ein sehr wichtiger Bestandteil Deines Lernpfades.
Wenn wir eine Sprache lernen, ist unser Endziel doch eigentlich, wie ein echter Muttersprachler zu sprechen und das erreicht man durch die Alltagssprache. Wenn man typische alltägliche Wendung benutzt, klingt man natürlicher und hat meiner Meinung nach viel mehr Spaß beim Reden. Man hat eine ganz andere Verbindung zu der Sprache und sie fühlt sich fast schon wie eine zweite Muttersprache an.
Wo begegnet man Alltagsitalienisch? Zunächst natürlich in Italien oder im Gespräch mit Italienern. Genauso kann man aber auch durch Videos, Podcasts, Serien oder Filme authentische Formulierungen aufschnappen.
Du musst natürlich nicht alles von den Italienern kopieren und jede alltagssprachliche Wendung übernehmen, um wie ein Muttersprachler zu sprechen. Benutz einfach nur die Ausdrücke, die Dich ansprechen, dann wirst Du Dich gut dabei fühlen und ganz automatisch natürlicher und authentischer klingen.
Lehrbuchitalienisch vs. Alltagsitalienisch: So klingt es im echten Leben
Ich stelle Dir nun 3 Beispiele vor. Es handelt sich um Wendungen, die typisch für Alltagsitalienisch sind und die mir erst begegnet sind, als ich viel Zeit mit Muttersprachlern verbracht habe. Zuvor hatte ich sie nie gehört und auch nicht verwendet, sie waren mir einfach nicht aufgefallen. Aber seitdem ich sie kenne, hat sich mein Italienisch verändert und ist authentischer und natürlicher geworden. Ich spreche nun mehr wie eine echte Italienerin.
Wie bereits gesagt, sind die Lehrbuchsätze nicht falsch. Man begegnet ihnen auch in Italien. Nur stellen die alltagssprachlichen Wendungen einen zusätzlichen Bereich dar, der sich einem meiner Meinung nach erst im Kontakt mit Muttersprachlern bzw. in Italien erschließt und der einem verborgen bleibt, wenn man die Sprache ausschließlich mit dem Lehrbuch lernt.
1. ho voglia vs. mi va
Die erste Wendung ist im Italienischen sehr gebräuchlich und wird auch im Alltag benutzt. Der Infinitiv ist:
avere voglia di „Lust haben“
Die zweite Wendung wird wie folgt gebildet:
Indirektes Objektpronomen (mi, ti, gli/le/Le, ci, vi, gli) + andare + di
Das ist meiner Meinung nach etwas, mit dem erst konfrontiert wird, wenn man oft in Italien ist, viel mit Italienern zu tun hat, italienische Videos/Filme/Serien schaut oder italienische Podcasts hört. Jedenfalls war das bei mir der Fall.
Diese Ausdrücke können in allen möglichen Situationen verwendet werden. Danach kann sowohl ein Verb als auch ein Substantiv folgen, wie man in diesen Beispielsätzen sieht:
Ho voglia di pizza.
Mi va un gelato.
Ho voglia di andare in vacanza.
Ti va di uscire stasera?.
Das Ganze geht auch mit verschiedenen Zeitformen (wie z.B. dem Imperfetto) oder Modi (wie dem Condizionale).
Ieri ho mangiato un chilo di gelato. Mi andava proprio.
Mi andrebbe un piatto di pasta.
Und mit anderen Personen:
Perché siete rimasti tutto il giorno a casa a non fare niente? – Ci andava.
Le va di parlare di cos’è successo?
Oder auch im Plural:
Luca ha mangiato tantissimo ieri sera. Gli andavano queste due pizze.
Italiener benutzen vor allem die zweite Konstruktion, wenn sie z.B. jemanden fragen, ob er etwas mit ihnen machen oder das letzte Stück Kuchen möchte:
Ti va di andare al cinema con me?
Ti va l’ultimo pezzo di torta?
Se ti va, puoi venire a casa mia.
Sie lässt sich nicht so einfach ins Deutsche übersetzen. Es könnte sowas bedeuten wie „Hast du Lust?“, „Möchtest du?“, „Passt es dir?“.
Wenn Du mal darauf achtest, wirst Du vor allem die zweite Konstruktion seeehr oft im Alltag in Italien hören.
2. mi piace molto vs. mi piace un sacco
Wer Italienisch lernt, weiß bestimmt, dass man mi piace molto oder mi piace tanto sagen kann, wenn einem etwas sehr gefällt. Das wird aber irgendwann langweilig und wer viel Zeit in Italien bzw. mit Italienern verbringt, weiß, dass es noch viel mehr Ausdrücke gibt. Nach mi piace können z.B. die folgenden Wörter stehen:
… un sacco
… davvero molto/veramente molto
….davvero tanto/veramente tanto
… moltissimo
… tantissimo
… parecchio
… da morire
… troppo
Jugendsprache:
… un botto
… un casino
Weitere Alternativen mit derselben Bedeutung, aber ohne das Verb piacere sind:
Lo/la trovo fantastico/stupendo.
Lo/la apprezzo molto.
Jugendsprache:
Mi fa impazzire/morire.
Mi ispira.
È una figata.
Ne vado matto/a.
Ne vado pazzo/a.
Lo/la adoro.
3. come stai? vs. come va?
Im Italienischen gibt es sehr viele Alternativen, um jemanden im Alltag nach dem Befinden zu fragen. Die Sätze, die ich Dir hier vorstelle, wirst Du wahrscheinlicher auch eher weniger in Lehrbüchern, sondern eher in Italien hören.
Wenn man anfängt, Italienisch zu lernen, sind die folgenden wahrscheinlich einige der ersten Fragen, die man lernt:
Come stai? „Wie geht’s dir?“
Come sta? „Wie geht’s Ihnen?
Come state? „Wie geht es euch?“
Aber sobald Du mit authentischem Italienisch konfrontiert wirst, merkst Du schon bald, dass Italiener im Alltag oft eigentlich ganz andere Sätze benutzen. Nämlich die folgenden:
Come va?
Tutto bene?/Tutto a posto?
Che mi racconti?/Che mi dici?
Che si dice?
Com’è?
Che c’è di nuovo?
Diese Fragen sind alle umgangssprachlich und informell.
Dieser Artikel dient nicht dazu, Lehrbücher zu kritisieren. Ich hab nichts gegen sie. Ich benutze sie selber in meinem Unterricht. Sie sind wichtig, da sie einem eine solide Basis geben und wichtige Grammatikregeln und Wörter vermitteln, die man meistens anhand von passenden Übungen gleich anwenden kann. Sie geben einem also in gewisser Weise ein Fundament, sind aber nicht ausreichend, wenn man Italienisch wie ein Muttersprachler sprechen möchte. Und der Fokus liegt hier auf tatsächlich SPRECHEN.
Gibt es Formulierungen, die Dir erst in Italien bzw. im Austausch mit Italienern begegnet sind und wo Du Dir dachtest: „Moment mal, das habe ich doch ganz anders gelernt?“
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