Wenn Du hier bist, weil Du seit Jahren Italienisch lernst, fast alles verstehst und trotzdem nicht sprechen kannst, habe ich zuerst eine gute Nachricht für Dich: Genau an diesem Punkt geben viele auf. Dabei sind sie dem Ziel näher als sie denken. Die Tatsache, dass Du nicht sprechen kannst, zeigt oft nicht, dass Du gescheitert bist. Du hast Dich einfach nur auf das Verstehen, anstatt auf das Sprechen konzentriert. Jetzt ist es aber an der Zeit, nicht noch mehr Wissen anzuhäufen, sondern es endlich anzuwenden.
Beim Sprachenlernen ist es wie mit einem Ei, das ausgebrütet werden muss. Genauso wie eine Henne ihr Ei lange wärmt, sammeln wir Informationen, hören, lesen, beobachten und nehmen auf. Diese Phase kann bei jedem unterschiedlich viel Zeit in Anspruch nehmen. Genau wie die Henne sind wir in dieser Zeit sehr passiv. Wir geben uns Mühe, doch irgendwie passiert nicht viel, denken wir zumindest.
Aber während man von außen nichts zieht, passiert innen ganz viel: In unserem Gehirn reifen unsere Sprachkenntnisse heran. Alles was wir hören, lesen, sehen wird aufgenommen und trägt zu unserem späteren Erfolg bei. Dieses unscheinbare Ei wächst langsam heran, aber so unscheinbar ist es gar nicht, denn irgendwas passiert doch und manchmal bekommen wir einen kleinen Einblick in das, was sich gerade entwickelt: Wir merken plötzlich, dass wir immer mehr verstehen, es eröffnet sich uns Schritt für Schritt eine neue Welt, es wird langsam immer mehr von diesem langen Weg sichtbar. Videos, die früher viel zu kompliziert schienen, werden plötzlich immer einfacher, Texte werden immer verständlicher. Die endlose Wiederholung hat sich doch ausgezahlt.
Wir verstehen plötzlich richtig viel von dem, was unser Gegenüber uns sagt, aber dann versuchen wir, zu sprechen, und irgendwie kommt nichts raus. Wo bleiben denn die Italienischkenntnisse, wenn man sie mal braucht? Beim Hören und Lesen leisten sie schon eine ziemlich gute Arbeit, aber wenns dann ans Sprechen bzw. Schreiben geht, lassen sie zu wünschen übrig. Bin nur ich das Problem? Funktioniert es bei den anderen? Bin ich einfach zu dumm?
Wenn es dann soweit ist, schlüpft das Ei, beziehungsweise unser Italienisch. Plötzlich hören wir Sätze, die klingen, als kommen sie von einem Muttersprachler, aber warte mal…wer spricht da? Ach, das bin ja ich! Wie toll, endlich! Aber wie ist das möglich, ich konnte bis vor Kurzem doch gefühlt gar nichts?
„Ich lerne schon ewig Italienisch und versteh auch ziemlich viel, kann aber gar nicht sprechen, ist das normal?“
Ja, das ist völlig normal. Wir alle haben das durchgemacht. Es muss eine passive Phase geben, in der Dein Gehirn alles aufnimmt und verarbeitet und sich an die Sprache gewöhnt und sie langsam zu seiner eigenen macht. Lass Dich nicht täuschen, der Schein trügt bekanntlich. Während es so aussieht, als würde nichts passieren und als wäre das ganze Lernen umsonst, passiert doch sehr viel.
Du hast wahrscheinlich das Gefühl, dass Du fast alles verstehst, aber sobald Du den Mund aufmachst, ist alles weg? Du lernst seit Jahren Italienisch, aber warum fühlt es sich trotzdem nicht so an? Das hat den folgenden Grund:
Wiedererkennen ist einfacher als Abruf
Wenn Du etwas verstehst, dann erkennt Dein Gehirn bestimmte Wörter oder Strukturen wieder, die Du vorher schon mal gehört oder gelesen hast. Wenn Du dieses Wissen nun abrufen möchtest, muss Dein Gehirn diese Informationen erstmal suchen, sie zu einem Satz formen, die richtige Zeitform verwenden… und das alles innerhalb von Sekunden. Wenn Du dann auch noch unter Druck bist und Angst vor Fehlern hast, vergisst Du wahrscheinlich alles, was Du jemals gelernt hast.
Kennst Du das: Wenn Du Filmtitel aufzählen sollst, fällt Dir plötzlich nichts ein, aber wenn dann einer von einem bestimmten Film redet, denkst Du Dir: „Stimmt, wieso ist mir das vorher nicht eingefallen!“.
Was Du tun kannst, um die passive Phase zu verkürzen
Versuch jetzt, nicht aufzugeben, und Dich der italienischen Sprache so oft es geht auszusetzen. Höre, lese und schau ganz viel! Das alles wird Dir irgendwann nützlich sein, denn Du brauchst erstmal viel Input, um später sprechen zu können. Mehr zu diesem Thema findest Du in unserem anderen Artikel.
In dieser Phase ist es aber ganz wichtig, dass Du nicht nur aufnimmst, sondern auch schon versuchst, Dich aktiv an die Sprache heranzutrauen. Um irgendwann sprechen zu können, musst Du Dich an den Klang Deiner Stimme auf der Sprache gewöhnen. Denn man kann leider nicht jahrelang Italienisch lernen, nie ein Wort sprechen und dann irgendwann plötzlich Muttersprachler sein. Da muss ich Dich leider enttäuschen. Wenn Du Dir sagst: „Nur noch 50 Vokabeln und 10 Grammatikübungen, dann spreche ich perfekt.“, wirst Du leider nirgendwohin kommen. Die Grenze verschiebt sich nur immer weiter in die Zukunft. Sprechen lernt man nur durch Sprechen.
„Aber warte mal, Du hast mir doch gerade gesagt, dass ich am Anfang eh noch nicht sprechen kann, und jetzt sagst Du mir, ich soll sprechen, hä?“ Du hast Recht, aber ich meine nicht, dass Du am Anfang schon selber produzieren sollst. Du kannst es natürlich versuchen, aber erwarte in der Anfangsphase nicht zu viel von Dir und sei nicht zu kritisch. Die meisten haben zu Beginn Angst, vor anderen zu sprechen und möchten sich nicht blamieren. Deswegen gibt es andere Möglichkeiten, trotzdem mit dem Sprechen anzufangen.
Was ich meine ist: Sprich das, was Du hörst, nach. Trau Dich einfach an die Aussprache heran und wiederhole so viel wie möglich von dem, was Du hörst. So musst Du nicht gleich selber produzieren und das auch nicht vor anderen und kannst trotzdem Italienisch sprechen.
Sei aber vorsichtig und höre Dir gleich die richtige Aussprache mit an. Wenn Du ein Video oder einen Film schaust bzw. ein Hörbuch hörst, dann drück ab und zu auf Pause und sprich alles mehrmals nach. Wenn Du etwas nur liest, dann hör Dir die Aussprache auf online Wörterbüchern oder so an. Versuch, Dir gleich die richtige Aussprache anzugewöhnen, denn wenn Du improvisierst, wird es irgendwann schwer, Dir die falsche Aussprache wieder abzugewöhnen.
Wenn Du magst, schreibe Dir ganze Sätze auf, die Du irgendwo gehört oder gelesen hast. So weißt Du gleich, wie bestimmte Wörter in einem Satz verwendet werden.
Der beste Tipp für diese Phase
Ein nächster Schritt sind Selbstgespräche. Das klingt erstmal ziemlich dumm und wahrscheinlich wirst Du Dich am Anfang auch so fühlen, aber irgendwann wird es normal, glaub mir. Mache das aber am besten zuhause! 😀 Es wird oft unterbewertet, weil man sich denkt „was soll das schon bringen?“, aber glaub mir, es ist der Schlüssel, wenn Du wirklich Italienisch SPRECHEN möchtest.
Wenn Du Selbstgespräche führst bzw. laut denkst, übst Du, Deine Gedanken spontan zu formulieren. Und das wird Dir enorm von Vorteil sein. Das Gute dabei ist, dass Du keinen Zeitdruck hast, weil Dir niemand zuhört und keiner eine Antwort erwartet. So kann sich Dein Gehirn ganz auf das Wesentliche konzentrieren.
Sprich einfach das aus, was Du gerade machst oder erledigen musst. Wenn Du zum Beispiel kochst, dann zähle die Schritte lauf auf Italienisch auf. Oder sprich einfach jeden Tag über ein bestimmtes Thema (Essen, Urlaub, Filme, Familie, Sport). Du kannst auch ein Foto beschreiben oder das, was Du siehst, wenn Du aus dem Fenster schaust. Erzähl Dir selber, was Du heute gemach hast.
Gleichzeitig trainierst Du, um das Deutsche „herumzudenken“ und nicht mehr nur zu übersetzen, sondern Deine Gedanken direkt auf Italienisch auszudrücken.
Deine Sätze müssen am Anfang gar nicht kompliziert sein. Denk dran: Das Ziel ist nicht Perfektion. Fang mit einfachen Sätzen an und irgendwann, werden diese immer länger und komplexer. Wichtig ist, dass Du überhaupt anfängst. Der Rest kommt später.
Mach das Ganze aber bitte unbedingt laut und nicht nur in Deinem Kopf.
Die aktive Phase kommt bei jedem irgendwann – die ewige Mühe zahlt sich aus
Der Moment kommt und glaub mir, er wird richtig toll. Du wirst eine andere Seite von Dir kennenlernen, wenn Du plötzlich wie ein Wasserfall Italienisch redest. Aber versuch, nicht nur an die Zukunft zu denken, sondern jeden Moment des Prozesses zu genießen, in der Gewissheit, dass es nicht immer so sein wird.
Irgendwann merkst Du, wie Du immer mehr sprichst und denkst Dir: „Wo kommt das denn jetzt her?“. Die Formulierungen, die Du dann benutzt, sind die, die Du in der vorherigen Phase aufgenommen hast. Siehst Du: Irgendwann zahlt sich das Ganze aus! Freu Dich darauf, aber setz Dich nicht zuuu sehr unter Druck! Hab Geduld mit Dir!
Lass Dich von Deinen Gedanken nicht in die Irre führen: Die Menschen, die gut Italienisch sprechen, haben nicht noooch mehr Vokabeln gelernt oder Grammatikübungen gemacht. Sie haben sich einfach getraut, mit dem Sprechen anzufangen.
Gleichzeitig sollte man aber nicht zu früh zu viel von einem erwarten. Das Gehirn braucht erstmal eine Datenbank an Wissen, mit der es danach arbeiten kann. Also sei nicht enttäuscht, wenn Du Italienisch vielleicht nur einmal die Woche ein bisschen hörst und dann nie sprechen kannst, denn dann hat Dein Gehirn gar kein Wissen gesammelt, auf das es zurückgreifen kann.
Spring ins kalte Wasser!
Irgendwann kommt dann der Punkt, wo man das Gelernte und das zuhause Geübte mit anderen teilen muss. Es ist am Anfang gruselig, weil man sich blöd vorkommt und keine Fehler machen möchte, aber da kommt man leider nicht drumherum. Du sprichst vielleicht erstmal nicht so gut, wie zuhause, denn Dein Gehirn muss erstmal lernen, sich in echten Gesprächen zurechtzufinden.
Mit jedem Mal wird es jedoch einfacher und weniger komisch. Du gewöhnst Dich immer mehr an die Sprache und irgendwann wird sie zu Deiner zweiten Natur.
Das Endziel erreicht?
Es ist ein echtes Erfolgserlebnis, wenn man endlich richtige Gespräche führen und sich auf Italienisch gut ausdrücken kann, das muss ich schon zugeben. Aber deswegen ist man noch lang kein Muttersprachler. Wenn man von Anfang an kritisch mit sich selbst ist, und jemand ist, der sich nie zufriedengibt, wird man auch nicht glücklich sein, wenn die passiven Sprachkenntnisse endlich in die aktiven übergehen. Man wird nie perfekt sein und es ist ein langer Weg bis man die Sprache wirklich gut beherrscht, aber ich finde man sollte den Weg genießen und aufhören, immer nur auf das zu schauen, was man nicht kann, denn dann ist man nie zufrieden. Ich weiß nicht, ob man irgendwann ein Endziel erreicht, ich denke aber nicht, da man selbst, was die eigene Muttersprache angeht, nicht alles weiß und immer dazulernt.
Versuch, kleine Erfolge zu feiern und immer auf das zurückzuschauen, was Du schon geleistet und erreicht hast. Ich denke auch manchmal, mein Niveau war schon immer so wie es jetzt ist und ich habe mich nie wirklich weiterentwickelt, aber dann höre ich Audios an, wie ich früher gesprochen habe und denke „Oh mein Gott, was für eine krasse Entwicklung habe ich durchgemacht!“ und dann bin ich ziemlich froh, dass ich den Weg trotz allen Hürden gegangen bin.
Es gibt verschiedene Phasen
Wie bei allem gibt es Phasen, in denen unsere Sprachkenntnisse plötzlich exponentiell zu wachsen scheinen und wir ständig irgendwas Neues dazulernen und einfach richtig gut sind und dann gibt es wiederum Phasen, wo gefühlt alles stagniert und gar nichts passiert. Genau da zögert man oft und denkt, sich „wozu das Ganze?“, aber genau in diesen Phasen sollte man trotz allem durchhalten und sich die guten Momente vor Augen führen und sehen, wie weit man schon gekommen ist und in dem Gewissen bleiben, dass es ein Licht am Ende des Tunnels gibt.
Wenn Du also bis heute dachtest, Du hättest beim Italienischlernen versagt, weil Du zwar viel verstehst, aber noch nicht sprichst, dann weißt Du spätestens jetzt, dass es nicht so ist. 😃 Glückwunsch! Du hast gerade eine sehr wichtige Erkenntnis gemacht, die wichtig für Deinen weiteren Weg ist. Du weißt nun auch, dass Du dem Ziel vielleicht schon viel näher bist, als Du dachtest.
Probier die Schritte mal aus und teile uns gerne mit, wie es Dir damit ergangen ist!
Welches Italienisch-Niveau hast Du und hast Du auch das Problem, dass Du alles verstehst, aber wenn es Zeit wird zu sprechen, nichts aus Deinem Mund kommt?
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